BLINDENINSTITUT REGENSBURG

Vorplatz | © Stefan Müller

NEUBAU FÜR DIE STIFTUNG


Bauherr Blindeninstitutsstiftung Würzburg | Architektur GEORG • SCHEEL • WETZEL ARCHITEKTEN | Landschaftsarchitektur Büro Kiefer, Berlin |Fertigstellung2006 | BGF 11.800 qm | Kosten ca. 15 Mio. Euro |Leistungsphasen 2-9 |
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Das Projekt im Westen von Regensburg erhielt den 1.Preis in einem EU-offenen, zweiphasigen Wettbewerb, der im Jahr 2000 von der Blindeninstitutsstiftung und dem fürstlichen Haus Thurn und Taxis ausgelobt wurde. Die Aufgabe, die einen hochbaulichen Realisierungsteil sowie einen städtebaulichen Ideenteil umfasste, bestand in der Einbettung der Neubauten für die Blindeninstitutsstiftung, einer Schule und Tagesstätte für schwer seh- und mehrfachbehinderte Kinder, sowie in der Arrondierung eines bestehenden Einfamilienwohnhausgebietes verbunden mit der städtebaulichen Neuordnung des gesamten Geländes am westlichen Stadtausgang. Es erstreckt sich östlich des Schlosses Prüfening, ein Gebäudeensemble von hohem Denkmalwert mit einem verwunschenen Park, der von einer charakteristischen Kalksteinmauer umfriedet wird. Die Mauer macht die Anlage noch heute als solitäre Insel im Landschaftsraum lesbar, der sich von hier nach Süden über die Hügel bis zur Donau hinunterzieht.

Städtebauliche, landschaftsräumliche Situation:
Das Wettbewerbsgebiet liegt am Fuße der „Platte“, einer der drei Bergkuppen, die sich im Westen von Regensburg aus dem leicht bewegten Hügelland am Rande der Regensburger Bucht herausbilden. Es ist von der Regensburger Altstadt ca. 3 km Luftlinie entfernt. Das Gelände gewinnt seine Attraktivität von dem im Süden angrenzenden Landschafts- und Erholungsraum, der als Landschaftsschutzgebiet teilweise dicht bewaldet südlich des Geländes ansteigt und dann zur Donau hin steil abfällt. Diese Naturräume setzen sich über die Donau in die Regensburg umgebenden Waldgebiete fort.
Im Osten sind die vorstädtischen Strukturen hingegen bereits weiter an das Schlossareal herangerückt. Das Einfamilienhausgebiet an der Brunnstube hat sich in den letzten Jahren, in denen der Regensburger Westen als Wohngebiet immer attraktiver wurde, zunehmend und ohne erkennbare städtebauliche Ordnung verdichtet. Um die Bautätigkeiten in diesem Bereich in ablesbaren städtebaulichen Strukturen zu kanalisieren, wurde im Bereich nördlich des „wild“ gewachsenen Quartiers ein Bebauungsplan aufgestellt, der den Bereich zwischen der Straße an der Brunnstube und der Prüfeninger Schlossstraße neu ordnet und der heute bereits städtebauliche Realität ist.
Unmittelbar westlich an diese Strukturen angrenzend war also der hier noch freie Landschaftsraum als Schwellenraum zwischen Stadtrand und Landschaft neu zu charakterisieren. Neben seiner Stadtrandlage ist die Nähe des Schlosses Prüfening, westlich vor der Stadt liegend, prägend. Ursprünglich als romanisches Benediktinerkloster St. Georg errichtet, bildet es ein hervorragend in die Topographie eingepasstes Gebäudeensemble. Die Gebäude - charakteristisch und weithin sichtbar die Doppeltürme der Kirche St. Georg und der „Astronomieturm“- sind von einer ebenso bemerkenswerten Parkanlage umgeben, die von der bereits erwähnten Bruchsteinmauer umfriedet wird, aus der an markanten Orten Kleinarchitekturen herausentwickelt werden, die für den Park und die Integrität des Schlossareals prägend sind. Im Jahr 2003 wurden die Räumlichkeiten des Schlosses für eine Montessori-Schule hergerichtet.
Im Norden wird das Wettbewerbsgelände von der befahrenen Prüfeninger Schlossstraße und der ICE-Gleistrasse Regensburg – Nürnberg, was zu nicht unerheblichen Schallemissionen führt, die bei der Planung von vornherein zu berücksichtigen waren.

Städtebauliches Konzept:
Die Schwelle zwischen Stadtrand und Landschaft ist am Ort auch als räumliche Zäsur erfahrbar: der ansteigende, von einer Waldkante gefasste Hang entwickelt Tiefe wie ein angehobener Bühnenraum und setzt die Türme des Schlosses Prüfening in Szene. Diese Zäsur wird mit dem Eingriff qualitativ erhalten und neu interpretiert. Die Schulgebäude schmiegen sich soweit wie möglich an den westlichen Stadtrand, die alte Verbindungsstraße „an der Brunnstube“ nach Prüfening, und bauen ein Gegenüber zum Schlossensemble auf. Es wird eine Stadtkante gebildet, die den Abstand zu der ehemaligen Klosteranlage festschreibt. Das Wohngebiet im Osten wird in diesem festgesteckten Rahmen arrondiert. Die alternierenden Reihen von Baukörpern mit ihren terrassierten Gärten begrenzen das heterogene Einfamilienhausgebiet im Westen. Der transformierte Landschaftsraum zwischen Schloss und Neubauten setzt nun mit einer parkartigen Begrünung, die an den Waldbestand anschließt, die neuen und die bestehenden Architekturen miteinander in Beziehung. Die vormals landwirtschaftlich genutzte Fläche wird als öffentlicher Grünraum umgewidmet und wird als Wiesenhang der Stadt zurückgegeben, zur Nutzung durch die Schulen und die Wohnquartiere.

Blindeninstitutsstiftung:
Die Baukörperfigur der Blindeninstitutsstiftung interpretiert zum einen die vorgefundene landschaftliche und topographische Situation, zum anderen setzt sie die sehr differenzierten organisatorisch-funktionalen Anforderungen des Nutzers in eine bauliche Gestalt um.
Die Blindeninstitutsstiftung betreut schwer seh- und mehrfachbehinderte Kinder, die zum großen Teil auf fremde Hilfe und damit auf schwellenloses Ineinandergreifen der Räumlichkeiten angewiesen sind. Daher entstanden eingeschossige Schulbereiche, die sich den Hang in geringen Höhenschritten hinaufstaffeln und sich mit dazwischen liegenden intimen Höfen fingerartig in die Landschaft entwickeln. Sie sind Teil einer gebauten Topographie, die zu einem Erlebnisraum für die Kinder wird. Ihre Stütz- und Umfriedungsmauern modellieren das Gelände zu einem Relief, aus dem sich die Gebäude erheben, gewissermaßen als Reflexion der Mauerarchitekturen im ehemaligen Klosterareal von Prüfening. Die verwendeten Materialien kommentieren das bauliche Gegenüber mit hellem Sichtbeton und einem grüngrauen Kohlebrandziegel für die geschlossenen Wandflächen, der das Farbspiel der Bruchsteinmauer beantwortet.
Der erhöhte polygonale Vorplatz, gebildet von einer zweigeschossigen Gebäudespange und einem abgesetzten Baukörper, der Sporthalle und Therapiebad aufnimmt, ist als Referenzort an der Grenze zwischen Stadt und Landschaft das stadträumliche „Foyer“ der Schule. Die Haupteingänge in den Komplex, zu denen die Kinder mit Bussen gebracht werden, befinden sich auf der Ebene dieses entsprechend der Topographie leicht ansteigenden Plateaus. Von den Eingängen gelangt man sowohl in den ansteigenden Hauptkorridor, an dem die allgemeinen Fachräume liegen, als auch auf kürzestem Weg in die jeweiligen Schulbereiche.
Sie bilden eine für die tägliche Betreuung optimierte Raumkonstellation, die sich mit den Klassen- und Wohnräumen ebenerdig zu den Gartenhöfen orientiert. Das Obergeschoss des zweigeschossigen Gebäudeteils beherbergt Therapie- und Verwaltungsräume mit Blick auf Landschaft und Schloss.
Die Durchwegung der einhüftig konzipierten Anlage ist durch die Präsenz der unterschiedlichen Freiräume charakterisiert. Der Hauptkorridor öffnet sich vollständig zum Vorplatz, die Flure der Schulbereiche ihrerseits zu den darunterliegenden Gartenhöfen. Damit wird nicht nur der allmähliche Übergang in den Landschaftsraum erfahrbar, die innere Organisation bildet auch ein einfaches Orientierungssystem, das mit hierarchisierten Wegebeziehungen arbeitet und für die Kinder wiedererkennbar bleibt. Es wird durch die natürlichen Lichtverhältnisse und nicht zuletzt durch das Erlebnis der Topographie im Gebäude gestützt. Geht man „hinunter“, gelangt man schließlich in die kleine Pausenhalle mit dem Veranstaltungsbereich im Kopfteil des Gebäudes, geht man „hinauf“, erreicht man den Verbindungsgang zu Sporthalle und Therapiebad und den Internatsbereich. Diese durch die räumliche Disposition geschaffene Orientierung wird durch die Behandlung des Kunstlichtes in den allgemeinen Fluren gestärkt. Der Hang wird damit gleichsam im Haus erlebbar und zum bestimmenden organisatorischen Kriterium.

Funktionales und pädagogisches Konzept:
Die zum Teil schwerst-behinderten Kinder, die in der Blindeninstitutsstiftung betreut werden, befinden sich im Alter zwischen 3 und 21 Jahren. Ein exemplarisches Bild der Behinderungen lässt sich nicht zeichnen, schon im Bereich der Sehbehinderungen weisen die Kinder ganz unterschiedliche Defizite und Restsehfähigkeiten auf, die individuell durch Seherziehung und die verschiedenen Therapieformen gefördert und stimuliert werden. Die meisten der insgesamt 100 - 120 Kinder werden morgens mit Behindertentaxis und Bussen gebracht und nachmittags wieder abgeholt. Lernen und Wohnen, Schule und Tagesstätte, sind für die Kinder einer Klasse in direkter Nachbarschaft und bei Bedarf mit großen Schiebetüren als räumliche Einheit zusammenschaltbar. Die Kinder essen in der Regel in ihren Wohn- und Tagesstättenräumen und lernen in den angrenzenden Klassenräumen. Dazwischengeschaltet befinden sich Ruheräume und Räume für Einzeltherapie und Seherziehung. Diesen Raumeinheiten, die sich in allen Schulstufen wieder finden, sind zum Flur hin große Sanitäreinheiten für die Pflege der Kinder zugeordnet. Ca. 20 Kinder bewohnen das Internat mit vier Wohngruppen, die als eigenständige Wohnungen funktionieren. Die Kinder gehen mitunter auch in den anderen Schulstufen „zur Schule“. Das Betreuungsverhältnis ist entsprechend den Behinderungen der Kinder sehr hoch: auf ca. 4-5 Kinder einer Klasse kommen ca. 3 Betreuer.

Unterstützung der Orientierung für Kinder mit Sehbehinderungen im Raum:
Topographie:
Eine Orientierung in Nord-Süd-Richtung wird über den im Gebäude verarbeiteten Hang erreicht. Die Schulebene hat damit sozusagen ein Oben und Unten, dem Räumlichkeiten oder Funktionen zugeordnet werden.

Raumhöhen:
Bedingt durch die Topographie werden im zweigeschossigen Gebäudeteil die Räume im Erdgeschoss nach Norden höher. Entsprechend finden sich hier die öffentlichsten Funktionen wie der Veranstaltungsbereich, Pausenhalle, etc. In den Schulbereichen sind durch den Höhenversprung im Dach (s. Schnitt) dienende (Flur, Sanitär) von bedienten (Klassen, Wohnräume) Räumen differenziert und räumlich erlebbar.

Wegenetz:
Räumliche Hierarchisierung des Wegenetzes (breiter, hoher Hauptkorridor, niedrigere, schmalere Flure in den Schulbereichen, Artikulation von Richtungswechseln durch Raumaufweitungen. Wiedererkennbare Zuordnung von Räumlichkeit und entsprechenden Funktionen im ganzen Haus.

Tageslicht:
Die unterschiedliche Orientierung der Flure schafft unterschiedlich erlebbare Tageslichtsituationen, die den Bereichen Schule, allgemeine Räume, Therapiebereich zuzuordnen sind.

Kunstlicht:
Linienbeleuchtung aus der Richtung des Tageslichtes als wegbegleitende Ausleuchtung in den Fluren, Rasterbeleuchtung als Kennzeichnung von Kreuzungspunkten und Raumaufweitungen.

Material, Atmosphäre, Akustik:
Der Hauptkorridor ist steinern geprägt, die Schulflure sind durch Holzeinbauten geprägt. Dies schafft gestützt durch die Räumliche Differenzierung die Möglichkeit einer Orientierung über Atmosphäre und Nachhall des Raums.

Orientierungshilfen, Leitlinien:
Aufgrund der o.g. Orientierungshilfen wurden auf Blindenleitlinien im Gebäudeinneren bewusst verzichtet. Alle Flure sind jedoch mit doppelten Handläufen zur taktilen Führung im Raum versehen. Kontrastierende Blindenleitlinien finden sich im Außenraum. Im Gebäudeinneren wurden speziell hergestellte kontrastierende Aufmerksamkeitsfelder als Noppenfelder vor den Treppenläufen und Aufzügen eingesetzt. Ebenso kam ein entsprechender Noppenrandstreifen in der Sporthalle zur Anwendung.

Kontraste, Farben:
Grundsätzlich wurde darauf geachtet über wenige gezielt Kontrastierende Materialien eine möglichst reizarme Umgebung zu schaffen, in der von den Fachpädagogen auf die einzelnen Defizite der Kinder eingegangen werden kann. Sämtliche Eingangssituationen werden durch das mit den Wänden kontrastierende Kirschholz auch für Menschen mit geringen Sehresten sichtbar. Die Aufmerksamkeitsfelder sind zu dem verwendeten Muschelkalk in den Fluren in schwarzem Feinbeton erstellt. Zugunsten der Wirkung der wenigen intendierten Kontraste wurde auch bewusst auf ein Farbleitsystem verzichtet. Die Materialfarben sollten aus sich heraus zur Wirkung kommen und eine haptisch sensitive Annäherung an das Gebäude ermöglichen. Farben charakterisieren nur über die unterschiedlichen Linoleumfarben in den Klassenräumen die unterschiedlichen Schulstufen.
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Kontakt
Georg • Scheel • Wetzel Architekten |
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Telefon: 030-275 724 70 | Fax: 030-275 724 77
buero@gsw-architekten.de | www.georgscheelwetzel.com

Lageplan Grundriss Grundriss 2
Ansicht Querschnitt Längsschnitt
Rampe zum Vorplatz | © Stefan Müller Blick zum Internat | © Stefan Müller Rückwertige Gebäudestirnenden der Klassentrakte | © Stefan Müller
Eingangsfoyer | © Stefan Müller Garderobe (höhenverstellbar) | © Stefan Müller Verbindungskorridor | © Stefan Müller Blick von Klassen- in Wohnbereich | © Stefan Müller Küche | © Stefan Müller Sporthalle mit Aufmerksamkeitsfeldern | © Stefan Müller